Fester Gang
Der feste Gang (englisch: Fixed Gear oder Track Gear) ist das charakteristischste Merkmal von Bahnrädern und unterscheidet sie grundlegend von Straßenrennrädern. Bei einem festen Gang ist das Hinterrad starr mit dem Antrieb verbunden, sodass sich die Pedale immer im gleichen Rhythmus wie das Hinterrad drehen. Dieser mechanische Aufbau hat weitreichende Konsequenzen für die Fahrtechnik, die Effizienz und die Sicherheit auf der Radrennbahn.
Funktionsweise des Festen Gangs
Mechanische Grundlagen
Im Gegensatz zu Freilauf-Systemen bei Straßenrädern ist beim festen Gang das Ritzel fest mit der Nabe verbunden. Es gibt keinen Freilauf-Mechanismus, der es erlauben würde, die Pedale stillstehen zu lassen, während sich das Rad weiterdreht. Diese starre Verbindung bedeutet:
- Kein Ausrollen: Die Pedale drehen sich immer, wenn sich das Rad dreht
- Aktive Kontrolle: Der Fahrer kann durch Gegendruck auf die Pedale bremsen
- Permanente Verbindung: Jede Bewegung des Rades wird direkt auf die Pedale übertragen
- Mechanische Einfachheit: Weniger bewegliche Teile bedeuten weniger Verschleiß
Technischer Aufbau
Der feste Gang besteht aus mehreren präzise aufeinander abgestimmten Komponenten:
Vor- und Nachteile des Festen Gangs
Vorteile
Maximale Effizienz
Die direkte Kraftübertragung ohne Freilauf ermöglicht einen Wirkungsgrad von nahezu 100%. Jede Pedalbewegung wird unmittelbar in Vortrieb umgesetzt, ohne mechanische Verluste durch Freilaufkörper oder Sperrklinken.
Präzise Kontrolle
Bahnradsportler können durch die permanente Verbindung zu den Pedalen ihre Position auf der Bahn millimetergenau steuern. Dies ist besonders bei Sprint-Duellen und in der Steilkurve von entscheidender Bedeutung.
Reduziertes Gewicht
Der Verzicht auf Bremsen, Schaltung und Freilauf macht Bahnräder deutlich leichter als Straßenrennräder. Ein Sprintrad wiegt oft unter 7 kg, ein Ausdauerrad unter 8 kg.
Wartungsarm
Weniger bewegliche Teile bedeuten weniger Verschleiß und geringeren Wartungsaufwand. Die Kette muss lediglich korrekt gespannt und regelmäßig gereinigt werden.
Verbesserte Fahrtechnik
Das Training mit festem Gang fördert eine runde, gleichmäßige Trittbewegung und verbessert die Koordination zwischen beiden Beinen.
Nachteile
Keine Anpassung an Streckenprofil
Die fehlende Schaltung bedeutet, dass die Übersetzung für die gesamte Strecke festgelegt ist. Bei unterschiedlichen Anforderungen (z.B. Sprint vs. Verfolgung) muss das Ritzel gewechselt werden.
Hohe Anforderungen an Fahrtechnik
Das Fahren mit festem Gang erfordert Übung und Erfahrung. Anfänger müssen sich zunächst an die permanente Pedalbewegung gewöhnen.
Eingeschränkte Bremsmöglichkeiten
Das Bremsen durch Gegendruck auf die Pedale ist weniger effektiv als klassische Bremsen. Dies ist auf der Radrennbahn jedoch kein Problem, da Bremsvorgänge selten vorkommen.
Übersetzungsverhältnisse für verschiedene Disziplinen
Die Wahl der richtigen Übersetzung ist entscheidend für den Erfolg auf der Bahn. Sie wird durch das Verhältnis zwischen Kettenblatt-Zähnezahl und Ritzel-Zähnezahl bestimmt.
Sprint-Disziplinen
Ausdauer-Disziplinen
Berechnung der Entfaltung
Die Entfaltung gibt an, wie viele Meter das Rad bei einer Pedalumdrehung zurücklegt:
Formel:
Entfaltung (m) = (Kettenblatt-Zähne / Ritzel-Zähne) × Laufradumfang (m)
Beispiel:
- Kettenblatt: 54 Zähne
- Ritzel: 14 Zähne
- Laufradumfang: 2,13 m (bei 700c Laufrädern)
- Entfaltung = (54 / 14) × 2,13 = 8,2 m
Bei einer Trittfrequenz von 120 U/min erreicht der Fahrer damit eine Geschwindigkeit von:
8,2 m × 120 = 984 m/min = 59 km/h
Ritzelwechsel und Anpassung
Wann ist ein Ritzelwechsel notwendig?
- Wechsel zwischen Sprint- und Ausdauer-Training
- Anpassung an unterschiedliche Streckenlängen
- Optimierung nach Leistungsdiagnostik
- Berücksichtigung von Höhenlage der Bahn
- Individuelle Anpassung an Trittfrequenz-Präferenzen
Durchführung des Ritzelwechsels
Benötigtes Werkzeug:
- Kettenpeitsche
- Ritzelabzieher
- Drehmomentschlüssel
Ablauf:
- Hinterrad ausbauen
- Altes Ritzel mit Kettenpeitsche fixieren und lösen
- Neues Ritzel aufschrauben (Anzugsmoment: 40-50 Nm)
- Kette auf korrekte Spannung prüfen
- Probefahrt zur Überprüfung
Ein zu locker montiertes Ritzel kann sich während der Fahrt lösen und zu schweren Stürzen führen. Verwenden Sie immer einen Drehmomentschlüssel!
Kettenspannung beim Festen Gang
Die korrekte Kettenspannung ist beim festen Gang besonders wichtig, da die Kette permanent unter Last steht.
Optimale Spannung
Richtwert: Die Kette sollte in der Mitte zwischen Kettenblatt und Ritzel 10-15 mm Spiel haben.
Zu straff:
- Erhöhter Verschleiß an Kette und Ritzeln
- Höherer Rollwiderstand
- Gefahr von Kettenriss bei Belastungsspitzen
- Belastung der Lager
Zu locker:
- Gefahr des Abspringens in Steilkurven
- Unruhiger Lauf
- Ineffiziente Kraftübertragung
- Klappernde Geräusche
Einstellung der Kettenspannung
Die Spannung wird über horizontale Ausfallenden am Rahmen eingestellt. Durch Verschieben der Hinterradachse nach vorne oder hinten lässt sich die Spannung präzise anpassen.
Prüfen Sie die Kettenspannung nach jedem Ritzelwechsel und vor jedem Training oder Wettkampf. Eine gelockerte Kette kann sich während der Fahrt weiter lösen.
Bremsen mit dem Festen Gang
Physikalische Grundlagen
Beim Bremsen mit festem Gang wird Gegendruck auf die Pedale ausgeübt. Die Bremskraft wird durch die Muskelkraft der Beine und die Übersetzung bestimmt. Je größer die Übersetzung, desto höher die mögliche Bremskraft.
Bremstechnik
Kontrolliertes Verzögern:
- Gleichmäßiger Gegendruck auf beide Pedale
- Körpergewicht nach hinten verlagern
- Oberkörper aufrecht halten
- Blick nach vorne richten
Notbremsung:
- Maximaler Gegendruck
- Körper weit nach hinten
- Bei Bedarf: Kurzer Block durch Fixieren der Pedale
- Achtung: Gefahr des Überschlags!
Wichtig: Die Bremswirkung des festen Gangs ist deutlich geringer als bei Felgen- oder Scheibenbremsen. Dies ist auf der Radrennbahn jedoch kein Problem, da Vollbremsungen praktisch nie vorkommen.
Training mit festem Gang
Vorteile für die Fahrtechnik
Das Training mit festem Gang verbessert nachweislich verschiedene Aspekte der Fahrtechnik:
Tritt-Optimierung:
- Gleichmäßigere Kraftverteilung über den gesamten Pedalzyklus
- Bessere Koordination zwischen linkem und rechtem Bein
- Reduzierung von Totpunkten in der Trittbewegung
Kardiovaskuläres Training:
- Konstante Belastung ohne Erholungsphasen
- Verbesserte Laktattoleranz
- Höhere durchschnittliche Herzfrequenz
Muskuläre Anpassungen:
- Stärkung der Beinrückseite (Hamstrings)
- Verbesserte Rumpfstabilität
- Höhere Maximalkraft
Spezifische Trainingseinheiten
UCI-Regelungen zum Festen Gang
Die Union Cycliste Internationale (UCI) hat klare Vorschriften für den festen Gang bei Bahnrennen:
Pflichtvorschriften:
- Fester Gang ist für alle Bahnwettbewerbe vorgeschrieben
- Keine Freilauf-Mechanismen erlaubt
- Keine Bremsen am Rad erlaubt (außer bei Junioren)
- Ritzel muss fest mit der Nabe verschraubt sein
- Sicherungsscheibe muss verwendet werden
Technische Kontrolle:
- Vor jedem Wettkampf Überprüfung durch Kommissäre
- Test der starren Verbindung zwischen Ritzel und Rad
- Kontrolle der Kettenspannung
- Sicherheitscheck der Verschraubung
Materialwissenschaft und Innovation
Moderne Ritzel-Technologie
Stahl-Ritzel:
- Höchste Haltbarkeit
- Schwerer als Alternativen
- Günstig in der Anschaffung
- Standard für Training
Aluminium-Ritzel:
- Deutlich leichter als Stahl
- Kürzere Lebensdauer
- Mittleres Preisniveau
- Ideal für Wettkämpfe
Titan-Ritzel:
- Optimales Gewicht-Festigkeits-Verhältnis
- Sehr lange Haltbarkeit
- Hoher Preis
- Premium-Option
Ketten-Entwicklung
Moderne Bahnketten sind speziell auf die hohen Belastungen des festen Gangs ausgelegt:
- Verstärkte Laschen: Höhere Zugfestigkeit
- Optimierte Schmierung: Reduzierter Verschleiß
- Präzisionsfertigung: Minimales Spiel zwischen Gliedern
- Spezial-Beschichtungen: Korrosionsschutz und Effizienz
Häufige Probleme und Lösungen
Ritzel löst sich
Ursachen:
- Unzureichendes Anzugsmoment
- Fehlende Sicherungsscheibe
- Verschlissenes Gewinde
Lösungen:
- Drehmomentschlüssel verwenden (40-50 Nm)
- Immer Sicherungsscheibe montieren
- Regelmäßig Gewinde prüfen
Kette springt ab
Ursachen:
- Zu lockere Kettenspannung
- Verschlissene Kette oder Ritzel
- Schräger Kettenverlauf
Lösungen:
- Kettenspannung korrigieren
- Verschleisseteile austauschen
- Kettenlinie überprüfen
Unrunder Lauf
Ursachen:
- Exzentrische Montage des Ritzels
- Verbogenes Kettenblatt
- Verzogenes Hinterrad
Lösungen:
- Ritzel demontieren und neu zentrieren
- Kettenblatt auf Rundlauf prüfen
- Laufrad zentrieren lassen