Mikrozyklus
Was ist ein Mikrozyklus?
Der Mikrozyklus ist die kleinste Planungseinheit in der Trainingsperiodisierung und umfasst typischerweise einen Zeitraum von 5 bis 10 Tagen, in der Regel eine Woche. Er bildet die Grundlage für die praktische Umsetzung der übergeordneten Trainingsziele aus Mesozyklus und Makrozyklus.
Im Mikrozyklus wird die konkrete Trainingsgestaltung für jeden einzelnen Tag festgelegt. Hier werden Belastungs- und Erholungsphasen so strukturiert, dass der Körper optimal adaptiert und gleichzeitig Übertraining vermieden wird.
Kernmerkmale eines Mikrozyklus
- Zeitraum: 5-10 Tage (Standard: 7 Tage)
- Fokus: Detaillierte Tagesplanung von Trainingseinheiten
- Ziel: Balance zwischen Belastung und Regeneration
- Flexibilität: Anpassung an individuelle Bedürfnisse und äußere Umstände
- Wiederholung: Mehrere Mikrozyklen bilden einen Mesozyklus
Wichtig: Ein gut strukturierter Mikrozyklus ist entscheidend für den Trainingserfolg. Er verhindert Übertraining und maximiert die Leistungsadaptation durch gezieltes Timing von Belastung und Erholung.
Aufbau und Struktur eines Mikrozyklus
Grundprinzipien der Mikrozyklusplanung
Ein effektiver Mikrozyklus folgt dem Prinzip der Superkompensation: Nach einer Trainingsbelastung benötigt der Körper Zeit zur Erholung, in der er über das ursprüngliche Leistungsniveau hinaus adaptiert. Die nächste Belastung sollte idealerweise im Zeitfenster dieser Superkompensation erfolgen.
Klassische Wochenstruktur (7-Tage-Mikrozyklus)
Typen von Mikrozyklen
Je nach Phase im Trainingsjahr und spezifischen Zielen gibt es verschiedene Mikrozyklustypen:
1. Belastungsmikrozyklus (Loading Week)
Charakteristik: Hoher Trainingsumfang und/oder hohe Intensität
Zielsetzung: Maximale Trainingsreize setzen, um Leistungsadaptationen zu provozieren
Anwendung: In Aufbau- und Vorbereitungsphasen
Dauer: 2-3 Wochen hintereinander möglich
2. Regenerationsmikrozyklus (Recovery Week)
Charakteristik: Reduzierter Umfang (40-60% der Belastungswoche) und niedrigere Intensität
Zielsetzung: Vollständige Erholung und Superkompensation ermöglichen
Anwendung: Nach 2-4 Belastungswochen oder vor wichtigen Wettkämpfen
Dauer: 4-7 Tage
3. Wettkampfmikrozyklus (Competition Week)
Charakteristik: Reduziertes Trainingsvolumen, Fokus auf Intensität und Frische
Zielsetzung: Optimale Form für den Wettkampf erreichen
Anwendung: Woche vor und während wichtiger Rennen
Dauer: 5-10 Tage
4. Tapering-Mikrozyklus
Charakteristik: Systematische Reduktion des Trainingsvolumens bei Erhalt der Intensität
Zielsetzung: Peak-Performance für Hauptziele erreichen
Anwendung: 1-3 Wochen vor Saisonhöhepunkten
Dauer: 7-21 Tage (je nach Wichtigkeit des Events)
Trainingsinhalte im Mikrozyklus
Integration verschiedener Trainingsbereiche
Ein ausgewogener Mikrozyklus integriert alle relevanten Trainingsbereiche:
Grundlagenausdauer (GA1/GA2)
- 3-4 Einheiten pro Woche
- Basis für alle anderen Trainingsformen
- Verbessert aerobe Kapazität und Fettstoffwechsel
- Mehr Infos: Grundlagenausdauer
Schwellentraining
- 1-2 intensive Einheiten pro Woche
- Verbessert anaerobe Schwelle und Laktattoleranz
- Kritisch für Zeitfahr- und Bergfahrleistung
- Mehr Infos: Schwellentraining
Intervalltraining
- 1-2 Einheiten pro Woche
- Maximiert VO2max und Sprint-Power
- Höchste Intensität, benötigt längste Erholung
- Mehr Infos: Intervalltraining
Regeneration
- 1-2 dedizierte Ruhetage oder aktive Erholung
- Essenziell für Adaptation und Verletzungsprävention
- Mehr Infos: Regeneration
Belastungssteuerung nach Leistungsdaten
Moderne Mikrozyklusplanung nutzt objektive Leistungsmetriken:
Tipp: Nutze objektive Metriken zur Trainingssteuerung, aber höre auch auf deinen Körper. Subjektives Wohlbefinden ist ein wichtiger Indikator!
Praktische Beispiele für Mikrozyklen
Beispiel 1: Aufbau-Mikrozyklus (Grundlagenphase)
Ziel: Ausdauerbasis aufbauen, Umfang steigern
Wochenziel: 550 TSS, 15 Stunden Training
- Montag: Ruhetag oder 30 Min Yoga/Mobilität
- Dienstag: 2h GA1 (150 TSS)
- Mittwoch: 2,5h GA1-GA2 Mix mit kurzen Tempoblöcken (180 TSS)
- Donnerstag: 1h Krafttraining + 1h lockere Rolle (80 TSS)
- Freitag: Ruhetag
- Samstag: 4h Lange Ausfahrt GA1 (200 TSS)
- Sonntag: 2h Erholungsfahrt sehr locker (60 TSS)
Gesamtbelastung: 670 TSS, 12,5h reine Fahrzeit
Beispiel 2: Intensitäts-Mikrozyklus (Vorwettkampfphase)
Ziel: Spitzenform aufbauen, Intensität erhöhen
Wochenziel: 480 TSS, 12 Stunden Training
- Montag: Ruhetag
- Dienstag: 2h mit 3x8min FTP-Intervallen (150 TSS)
- Mittwoch: 1,5h lockere Ausfahrt (60 TSS)
- Donnerstag: 2h mit 5x5min VO2max-Intervallen (140 TSS)
- Freitag: 1h ganz locker (40 TSS)
- Samstag: 2,5h Wettkampfsimulation (180 TSS)
- Sonntag: 1,5h sehr lockere Erholung (50 TSS)
Gesamtbelastung: 620 TSS, 11,5h reine Fahrzeit
Beispiel 3: Regenerations-Mikrozyklus
Ziel: Vollständige Erholung nach 3 Belastungswochen
Wochenziel: 250 TSS, 8 Stunden Training
- Montag: Ruhetag
- Dienstag: 1,5h ganz locker GA1 (50 TSS)
- Mittwoch: 1h lockere Rolle (40 TSS)
- Donnerstag: Ruhetag oder leichtes Krafttraining
- Freitag: 1,5h locker mit ein paar kurzen Sprints zur Aktivierung (60 TSS)
- Samstag: 2h lockere Gruppenausfahrt (70 TSS)
- Sonntag: 1,5h sehr entspannt (50 TSS)
Gesamtbelastung: 270 TSS, 7,5h reine Fahrzeit
Häufige Fehler bei der Mikrozyklusplanung
Checkliste: Diese Fehler vermeiden
- Zu viele intensive Einheiten pro Woche
→ Maximum 3 harte Tage pro 7-Tage-Zyklus - Keine strukturierte Regeneration
→ Mindestens 1 kompletter Ruhetag, besser 2 - Ignorieren von Warnsignalen des Körpers
→ Bei Krankheit, extremer Müdigkeit oder Schmerzen pausieren - Monotone Trainingsgestaltung
→ Variation in Intensität, Dauer und Trainingsform einbauen - Zu schnelle Belastungssteigerung
→ Maximal 10% mehr TSS pro Woche (bei fortgeschrittenen Athleten) - Intensive Einheiten an aufeinanderfolgenden Tagen
→ Mindestens 48h Erholung zwischen VO2max/FTP-Sessions - Vernachlässigung des Schlafes
→ 7-9 Stunden Schlaf sind essenziell für Adaptation - Fehlende Anpassung an externe Faktoren
→ Beruf, Stress, Wetter in Planung berücksichtigen
Warnung: Übertraining entsteht nicht durch eine einzelne harte Einheit, sondern durch chronische Unterregeration über mehrere Mikrozyklen hinweg!
Anpassung an verschiedene Leistungsniveaus
Hobby-Radsportler (8-12h/Woche)
- Fokus: Qualität vor Quantität
- Intensive Einheiten: Maximum 2 pro Woche
- Regeneration: 2-3 Ruhetage notwendig
- Flexibilität: Hohe Anpassung an Alltag erforderlich
Ambitionierte Amateure (12-18h/Woche)
- Fokus: Balance zwischen Umfang und Intensität
- Intensive Einheiten: 2-3 pro Woche möglich
- Regeneration: 1-2 Ruhetage
- Struktur: Klare Wochenplanung wichtig
Semi-Profis/Profis (20-30h/Woche)
- Fokus: Periodisierung über mehrere Wochen
- Intensive Einheiten: 3-4 pro Woche in Spitzenzeiten
- Regeneration: Aktive Erholung statt kompletter Ruhetage
- Monitoring: Tägliche Datenerfassung (HRV, Gewicht, Schlaf)
Integration von Tests und Wettkämpfen
Leistungsdiagnostik im Mikrozyklus
Tests zur Leistungsbestimmung sollten strategisch platziert werden:
FTP-Test (Functional Threshold Power)
- Timing: Am Ende eines Regenerations-Mikrozyklus
- Vorbereitung: 2 Tage vorher nur lockeres Training
- Häufigkeit: Alle 4-6 Wochen
- Mehr Infos: FTP-Test
Laktattest
- Timing: Zu Beginn neuer Trainingsphasen
- Vorbereitung: 48h vorher keine intensiven Einheiten
- Häufigkeit: 2-3 Mal pro Saison
- Mehr Infos: Laktattest
Wettkampfintegration
Wettkämpfe ersetzen intensive Trainingseinheiten:
- C-Rennen (Trainingswettkämpfe): Normal in Mikrozyklus integrierbar
- B-Rennen (Wichtig): Vorher 2 Tage Tapering, nachher 1-2 Tage locker
- A-Rennen (Saisonhöhepunkte): Dedizierter Tapering- und Erholungsmikrozyklus
Software und Tools zur Mikrozyklusplanung
Empfohlene Planungstools
- TrainingPeaks
- Umfangreichste Funktionen für Trainingsplanung
- TSS/CTL/ATL-Tracking automatisch
- Teuer, aber Industriestandard
- Today's Plan
- Gute Alternative zu TrainingPeaks
- Integrierte Trainingsplan-Bibliothek
- Günstiger bei ähnlichem Funktionsumfang
- WKO5
- Detaillierte Leistungsanalyse
- Power-Duration-Kurve
- Für fortgeschrittene Datenanalyse
- Intervals.icu
- Kostenlos/sehr günstig
- Automatische Sync mit Garmin/Wahoo/Zwift
- Community-getriebene Entwicklung
- Golden Cheetah
- Open Source, komplett kostenlos
- Mächtige Analysefunktionen
- Steilere Lernkurve
Periodisierung über mehrere Mikrozyklen
4-Wochen-Block-Beispiel
Ein bewährtes Modell ist die 3:1-Struktur:
- Woche 1: Belastungsmikrozyklus (100% Zielbelastung)
- Woche 2: Belastungsmikrozyklus (105% Zielbelastung)
- Woche 3: Belastungsmikrozyklus (110% Zielbelastung)
- Woche 4: Regenerationsmikrozyklus (50-60% Zielbelastung)
Nach diesem Block kann die Grundbelastung für den nächsten 4-Wochen-Block um 5-10% erhöht werden.
Saisonale Unterschiede in der Mikrozyklusgestaltung
Winter/Übergangsphase (November-Januar)
- Fokus: Grundlagenausdauer, Kraftaufbau
- Umfang: Hoch (lange Ausfahrten)
- Intensität: Niedrig bis mittel
- Besonderheit: Alternative Trainingsformen (MTB, Laufen, Skilanglauf)
Aufbauphase (Februar-März)
- Fokus: Intensitätssteigerung, spezifisches Training
- Umfang: Hoch
- Intensität: Mittel bis hoch
- Besonderheit: Trainingslager möglich
Wettkampfphase (April-Oktober)
- Fokus: Form halten, Spitzen für Hauptziele setzen
- Umfang: Variabel (je nach Rennkalender)
- Intensität: Hoch
- Besonderheit: Flexibilität für Rennen und Erholung
Zusammenfassung und Key Takeaways
Die wichtigsten Prinzipien erfolgreicher Mikrozyklusplanung
- Balance ist alles: Belastung und Erholung müssen im Gleichgewicht sein
- Individualität: Kein Mikrozyklus passt für alle - persönliche Anpassung notwendig
- Progression: Systematische Steigerung über mehrere Mikrozyklen
- Flexibilität: Bereitschaft zur Anpassung bei Krankheit, Stress oder Übertraining
- Monitoring: Objektive Daten (TSS, HRV) kombiniert mit subjektivem Befinden
- Integration: Mikrozyklen müssen in übergeordnete Meso- und Makrozyklen passen
- Qualität vor Quantität: Weniger, aber zielgerichtetes Training ist oft effektiver
Checkliste: Dein perfekter Mikrozyklus
- Klares Wochenziel definiert (TSS, Stunden, Schwerpunkt)
- Maximum 3 intensive Tage eingeplant
- Mindestens 1 kompletter Ruhetag
- Alle Trainingsbereiche berücksichtigt
- Regenerationsmaßnahmen eingeplant (Regeneration)
- Tests/Wettkämpfe strategisch platziert
- Backup-Plan für schlechtes Wetter/Krankheit
- Trainingsplan mit Coach/Software abgestimmt
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Letzte Aktualisierung: 12. November 2025