FTP-Test - Functional Threshold Power Test
Was ist der FTP-Test?
Der FTP-Test (Functional Threshold Power Test) ist die praktikabelste und am weitesten verbreitete Methode zur Bestimmung der individuellen Leistungsfähigkeit im Radsport. FTP steht für Functional Threshold Power und bezeichnet die maximale Leistung in Watt, die ein Athlet theoretisch über 60 Minuten konstant aufrechterhalten kann.
Der FTP-Wert bildet die Grundlage für eine präzise, wattbasierte Trainingssteuerung und ermöglicht es, individuelle Trainingszonen exakt zu definieren. Im Gegensatz zu herzfrequenzbasierten Methoden reagiert die Wattmessung unmittelbar auf Leistungsveränderungen und ist nicht von externen Faktoren wie Tagesform, Koffein oder Stress beeinflusst.
Warum ist der FTP-Test so wichtig?
Präzise Trainingssteuerung
Der FTP-Wert ermöglicht eine exakte Definition individueller Trainingsbereiche. Anstatt mit pauschalen Herzfrequenzvorgaben zu arbeiten, orientiert sich das Training an der tatsächlichen mechanischen Leistung. Dies führt zu optimal dosierten Trainingsreizen und verhindert Über- oder Unterbelastung.
Objektive Leistungsmessung
Der FTP-Test liefert einen objektiven, reproduzierbaren Leistungswert. Im Gegensatz zu subjektiven Empfindungen oder schwankenden Herzfrequenzwerten ist die gemessene Wattzahl ein hartes Faktum. Dies ermöglicht präzise Verlaufskontrollen und dokumentiert Leistungsfortschritte eindeutig.
Vergleichbarkeit und Benchmarking
FTP-Werte sind standardisiert und ermöglichen Vergleiche zwischen verschiedenen Athleten sowie die Einordnung der eigenen Leistungsfähigkeit. Die Relation von FTP zu Körpergewicht (Watt/kg) ist ein aussagekräftiger Leistungsindikator, besonders für Bergfahrer.
Motivation durch messbare Fortschritte
Regelmäßige FTP-Tests dokumentieren Trainingsfortschritte objektiv. Jede Wattsteigerung ist sichtbar und motiviert. Die klare Zahlensprache macht Erfolge greifbar und zeigt, ob die Trainingsmaßnahmen wirken.
FTP-Testmethoden im Vergleich
Der 20-Minuten-FTP-Test - Detaillierte Anleitung
Der 20-Minuten-Test hat sich als optimaler Kompromiss zwischen Durchführbarkeit und Genauigkeit etabliert. Er ist kurz genug, um maximal belastbar zu sein, und lang genug, um aussagekräftige Ergebnisse zu liefern.
Voraussetzungen für den Test
Bevor Sie einen FTP-Test durchführen, müssen bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sein:
Ausrüstung:
- Powermeter (Kurbel-, Pedal- oder Nabenpowermeter)
- Kalibriertes Messgerät (Zero-Offset durchführen!)
- Indoor-Trainer oder ruhige, flache Teststrecke
- Herzfrequenzmesser (optional, aber empfohlen)
- Fahrradcomputer oder Trainingsapp für Live-Daten
Körperliche Voraussetzungen:
- Vollständige Erholung (48-72 Stunden nach letzter harter Einheit)
- Ausgeschlafener Zustand
- Keine Erkältung oder Krankheit
- Normale Ernährung in den Tagen vor dem Test
Testprotokoll Schritt für Schritt
Phase 1: Aufwärmen (15 Minuten)
- Beginnen Sie bei niedriger Intensität (50-60% der geschätzten FTP)
- Steigern Sie die Leistung allmählich
- Nach 10 Minuten kurz die bevorzugte Trittfrequenz testen
- Die letzten 5 Minuten bei mittlerer Intensität (70-75% FTP)
Phase 2: Aktivierung (5 Intervalle à 1 Minute)
- 5 Einminütige Belastungen mit steigender Intensität
- Intervall 1: 90% FTP, Intervall 2: 100% FTP, Intervall 3: 110% FTP, Intervall 4: 120% FTP, Intervall 5: Maximal
- Zwischen den Intervallen jeweils 1 Minute locker treten
- Diese Phase aktiviert die anaeroben Systeme vollständig
Phase 3: Erholung (5 Minuten)
- Sehr lockeres Treten bei 40-50% FTP
- Atmung normalisieren
- Mental auf den Haupttest vorbereiten
- Trinkflasche griffbereit positionieren
Phase 4: 20-Minuten-Maximaltest
- Vom ersten Meter an mit maximaler Leistung starten, die 20 Minuten durchgehalten werden kann
- Pacing ist entscheidend: Die erste Hälfte sollte kontrolliert, die zweite Hälfte maximal sein
- Konstante Trittfrequenz halten (80-100 RPM je nach Präferenz)
- Mental in 5-Minuten-Blöcke unterteilen
- Letzte 5 Minuten: alles geben, was noch möglich ist
Phase 5: Cool-Down (10 Minuten)
- Sehr lockeres Ausfahren bei minimaler Intensität
- Laktat abbauen und Kreislauf normalisieren
- Dehnen nach dem Absteigen
Phase 6: Auswertung
- Durchschnittsleistung der 20 Minuten ermitteln
- 5% abziehen: FTP = Durchschnittswatt × 0.95
- Beispiel: 280 Watt Durchschnitt → FTP = 266 Watt
Der Ramp-Test als Alternative
Der Ramp-Test ist eine weniger belastende Alternative zum 20-Minuten-Test. Er eignet sich besonders für Einsteiger, nach Verletzungen oder in intensiven Trainingsphasen.
Durchführung Ramp-Test
- Beginnen Sie bei sehr niedriger Intensität (100 Watt)
- Steigern Sie alle 60 Sekunden um 20 Watt
- Fahren Sie bis zur absoluten Erschöpfung
- Die maximale 1-Minuten-Leistung wird ermittelt
- FTP = Maximale Leistung × 0.75
Vor- und Nachteile
Vorteile:
- Kürzere Gesamtdauer
- Weniger mental anspruchsvoll
- Geringere Erholungszeit erforderlich
Nachteile:
- Etwas weniger präzise als 20-Minuten-Test
- Erfordert gutes Pacing bei Steigerungen
- Kann FTP bei sehr ausdauernden Athleten unterschätzen
FTP-basierte Trainingszonen
Basierend auf dem ermittelten FTP-Wert werden individuelle Trainingsbereiche definiert. Diese Zonen bilden das Fundament für strukturiertes Training.
Watt/kg-Verhältnis - Der entscheidende Leistungsindikator
Die absolute FTP in Watt ist wichtig, doch für die tatsächliche Leistungsfähigkeit auf der Straße zählt das Verhältnis zur Körpermasse. Besonders beim Bergauffahren ist Watt pro Kilogramm Körpergewicht der entscheidende Faktor.
Leistungsklassen nach Watt/kg
Berechnung: FTP in Watt ÷ Körpergewicht in kg = W/kg
Beispiel: 280 Watt FTP bei 70 kg Körpergewicht = 4.0 W/kg
Häufige Fehler beim FTP-Test
Fehler 1: Mangelnde Erholung
Der häufigste Fehler ist, den Test ohne ausreichende Erholung durchzuführen. Nach harten Trainingseinheiten oder Wettkämpfen sollten mindestens 48-72 Stunden Regeneration eingeplant werden. Müdigkeit verfälscht das Ergebnis erheblich nach unten.
Fehler 2: Falsches Pacing
Viele Athleten starten zu schnell und brechen in der zweiten Hälfte massiv ein. Das Ziel ist die höchstmögliche Durchschnittsleistung über 20 Minuten. Ein zu ambitionierter Start führt zu vorzeitiger Erschöpfung und verfälscht das Ergebnis.
Fehler 3: Unzureichendes Aufwärmen
Ohne proper Aufwärmen sind die Systeme nicht vollständig aktiviert. Das Aufwärmprogramm inklusive Aktivierungsintervallen ist essentiell für ein valides Testergebnis.
Fehler 4: Unterschiedliche Testbedingungen
Tests sollten unter möglichst identischen Bedingungen stattfinden. Indoor vs. Outdoor, verschiedene Tageszeiten, unterschiedliche Ernährung - all das beeinflusst das Ergebnis und macht Vergleiche unmöglich.
Fehler 5: Fehlende Kalibrierung
Powermeter müssen vor jedem Test kalibriert werden (Zero-Offset). Ein nicht kalibriertes Messgerät liefert verfälschte Werte, die nicht vergleichbar sind.
Indoor vs. Outdoor FTP-Test
Indoor-Test auf der Rolle
Vorteile:
- Perfekt kontrollierte Bedingungen
- Keine Unterbrechungen durch Verkehr oder Ampeln
- Konstante Leistung ohne Einfluss von Wind oder Gefälle
- Ganzjährig durchführbar
- Höhere Reproduzierbarkeit
Nachteile:
- Höhere gefühlte Anstrengung durch fehlende Kühlung
- Monotonie kann mental belastend sein
- Indoor-FTP liegt oft 5-10% höher als Outdoor-FTP
- Weniger realitätsnah für tatsächliche Rennsituationen
Outdoor-Test auf der Straße
Vorteile:
- Realistischere Bedingungen
- Bessere Kühlung durch Fahrtwind
- Mental weniger monoton
- Direktere Übertragbarkeit auf Wettkämpfe
Nachteile:
- Verkehr und Ampeln können Test unterbrechen
- Wind und Gefälle beeinflussen das Ergebnis
- Wetterabhängig
- Schwieriger reproduzierbar
Testzeitpunkte und Frequenz
Saisonvorbereitung
Ein umfassender FTP-Test zu Beginn der Wintervorbereitung liefert den Ausgangswert für die kommende Saison. Dieser Baseline-Test zeigt, wo Sie nach der Übergangsphase stehen.
Trainingsblöcke
Nach jedem 8-12-wöchigen Trainingsblock sollte ein erneuter Test stattfinden. Dies dokumentiert den Trainingsfortschritt und ermöglicht Anpassungen der Trainingszonen.
Wettkampfphase
Während intensiver Wettkampfphasen sind vollständige FTP-Tests wenig sinnvoll, da sie zusätzlichen Stress erzeugen. In dieser Zeit genügen Wettkampfergebnisse und Trainingsdaten zur Einschätzung.
Übergangsphase
Nach der Saison kann ein Abschlusstest die Gesamtentwicklung dokumentieren. Dies ist jedoch optional, da in der Erholungsphase keine Maximalbelastungen erforderlich sind.
Von der FTP zur Trainingsplanung
Der FTP-Wert allein bringt noch keinen Leistungszuwachs. Erst die konsequente Nutzung für die Trainingssteuerung entfaltet sein volles Potenzial. Auf Basis der ermittelten Zonen wird ein strukturierter Trainingsplan erstellt.
Grundlagentraining (Zone 2)
Das Fundament jeder Saisonvorbereitung bildet umfangreiches Training in Zone 2. Diese Einheiten verbessern die aerobe Kapazität, erhöhen die Mitochondriendichte und optimieren den Fettstoffwechsel. 70-80% des Trainingsumfangs sollten in diesem Bereich stattfinden.
Schwellentraining (Zone 4)
Schwellentraining an und knapp über der FTP ist der Schlüssel zur Verbesserung ebendieser. Intervalle von 2x20 Minuten, 3x15 Minuten oder 4x10 Minuten bei 95-105% FTP trainieren gezielt die Schwellenleistung.
VO2max-Intervalle (Zone 5)
Hochintensive Intervalle bei 106-120% FTP verbessern die maximale Sauerstoffaufnahme. Klassische Formate sind 5x5 Minuten oder 8x3 Minuten mit entsprechenden Erholungspausen.
Progression und Anpassung
Mit steigender FTP müssen die absoluten Wattwerte für die Trainingszonen regelmäßig aktualisiert werden. Dies stellt sicher, dass die Trainingsreize optimal dosiert bleiben.
Checkliste: Optimale FTP-Test-Vorbereitung
✓ 72 Stunden vorher:
- Letzte intensive Trainingseinheit abschließen
- Auf ausreichend Schlaf achten
- Normale Ernährung beibehalten
- Alkohol vermeiden
✓ 24 Stunden vorher:
- Nur noch lockere Belastung (Recovery-Fahrt)
- Kohlenhydratspeicher auffüllen
- Mindestens 2-3 Liter Flüssigkeit
- Früh ins Bett gehen
✓ Am Testtag:
- 2-3 Stunden vor dem Test kohlenhydratreiche Mahlzeit
- 500ml Flüssigkeit 60 Minuten vor dem Test
- Powermeter kalibrieren (Zero-Offset!)
- Klimaanlage/Ventilator bereitstellen (Indoor)
- Trinkflasche griffbereit positionieren
- Motivierende Musik/Video vorbereiten (optional)
✓ Direkt vor dem Test:
- Auf Toilette gehen
- Sportbekleidung überprüfen
- Mentale Vorbereitung
- Testprotokoll am Lenker/Display bereithalten
✓ Nach dem Test:
- Cool-Down nicht vergessen
- Daten sichern und auswerten
- Regeneration einplanen
- Trainingszonen neu berechnen
FTP und andere Leistungsdiagnostik-Methoden
Der FTP-Test ist eine praktikable Feldtestmethode, die sich hervorragend in den Trainingsalltag integrieren lässt. Für umfassende Leistungsdiagnostik gibt es ergänzende Verfahren:
Laktattest im Labor
Der Laktattest ermittelt die aerobe und anaerobe Schwelle durch Blutlaktatmessung. Er liefert zusätzliche Informationen über Stoffwechselprozesse und ergänzt den FTP-Test perfekt.
VO2max-Test
Der VO2max-Test misst die maximale Sauerstoffaufnahmekapazität und ist der ultimative Indikator für kardiopulmonale Leistungsfähigkeit. Er findet ausschließlich im Labor statt.
Kombination für maximale Aussagekraft
Idealerweise kombiniert man regelmäßige FTP-Tests (alle 8-12 Wochen) mit gelegentlichen Labortests (2-3x pro Jahr). FTP-Tests dokumentieren die kurzfristige Entwicklung, während Labortests tiefere physiologische Einblicke liefern.
Realistische FTP-Steigerungen
Viele Athleten haben unrealistische Erwartungen bezüglich FTP-Steigerungen. Es ist wichtig zu verstehen, was machbar ist und welche Faktoren die Entwicklung beeinflussen.
Einsteiger (0-2 Jahre Training)
Untrainierte oder wenig trainierte Athleten können in den ersten beiden Jahren dramatische Fortschritte erzielen. Steigerungen von 30-50 Watt pro Saison sind bei konsequentem Training durchaus möglich. Die „Newbie Gains" sind in dieser Phase am größten.
Fortgeschrittene (2-5 Jahre Training)
Nach zwei Jahren strukturiertem Training verlangsamt sich der Fortschritt. Realistische Steigerungen liegen bei 10-20 Watt pro Saison. Der Fokus verschiebt sich von quantitativen Sprüngen zu qualitativer Optimierung.
Leistungssportler (> 5 Jahre Training)
Hochtrainierte Athleten kämpfen um jeden Watt. Steigerungen von 5-10 Watt pro Saison sind bereits Erfolge. Training wird zunehmend spezifischer und die Optimierung von Randbereichen gewinnt an Bedeutung.
Einflussfaktoren auf die Entwicklung
- Trainingserfahrung und -qualität
- Genetische Veranlagung
- Körpergewicht und Körperzusammensetzung
- Regenerationsfähigkeit
- Ernährung und Supplementierung
- Lebensumstände (Stress, Schlaf, Beruf)
Troubleshooting: Wenn die FTP nicht steigt
Plateau trotz Training
Wenn über mehrere Monate keine FTP-Steigerung eintritt, liegt meist eines der folgenden Probleme vor:
Zu wenig Abwechslung:
Monotones Training führt zu Stagnation. Der Körper benötigt variable Reize. Integrieren Sie unterschiedliche Intensitäten und Trainingsformen.
Zu viel Intensität:
Mehr ist nicht immer besser. Zu viele hochintensive Einheiten führen zu chronischer Ermüdung und verhindern Anpassungen. 80/20-Regel beachten: 80% Grundlage, 20% Intensität.
Unzureichende Regeneration:
Leistungssteigerung findet in der Erholung statt, nicht im Training. Zu kurze Regenerationszeiten verhindern Superkompensation.
Mangelnde Periodisierung:
Trainingsreize müssen systematisch gesetzt werden. Eine durchdachte Periodisierung mit Aufbau-, Intensivierungs- und Erholungsphasen ist essentiell.
FTP im Kontext der Gesamtleistungsdiagnostik
Der FTP-Test ist ein hervorragendes Werkzeug, doch er bildet nur einen Aspekt der Leistungsfähigkeit ab. Die Leistungsdiagnostik im Radsport umfasst weitere wichtige Parameter.
Was FTP aussagt
- Maximale Dauerleistung über 60 Minuten
- Grundlage für Trainingszonen
- Vergleichbarkeit zwischen Athleten (W/kg)
- Trainingsfortschritt über Zeit
Was FTP nicht aussagt
- Maximale 5-Sekunden-Sprintleistung
- Anaerobe Kapazität
- Ermüdungsresistenz bei langen Belastungen
- Taktisches Geschick oder Fahrtechnik
Eine umfassende Leistungseinschätzung berücksichtigt neben FTP auch Sprintfähigkeit, VO2max, anaerobe Kapazität und sportartspezifische Fähigkeiten.