🏋️ Trainingsbereiche im Radrennsport
Was sind Trainingsbereiche?
Trainingsbereiche definieren verschiedene Intensitätsstufen im Radtraining, die jeweils unterschiedliche physiologische Anpassungen bewirken. Die systematische Einteilung ermöglicht eine präzise Trainingssteuerung und maximiert den Trainingseffekt bei gleichzeitig optimaler Regeneration.
Im professionellen Radsport werden Trainingsbereiche primär über drei Messmethoden definiert: Leistung (Watt), Herzfrequenz (bpm) und subjektives Belastungsempfinden (RPE). Die Leistungsmessung via Powermeter gilt dabei als präziseste Methode, da sie unabhängig von externen Faktoren wie Temperatur, Tagesform oder Stress ist.
Die fünf Haupttrainingsbereiche
Die klassische Einteilung nach Andrew Coggan und Hunter Allen umfasst sieben Trainingsbereiche. In der Praxis konzentrieren sich Radsportler jedoch häufig auf fünf Hauptbereiche, die für die Periodisierung des Trainings entscheidend sind:
1. Regenerationsbereich (Aktive Erholung)
Intensität: 45-55% der FTP / Herzfrequenz Zone 1
Dauer: 30-120 Minuten
Laktatwert: < 2 mmol/l
Der Regenerationsbereich dient der aktiven Erholung nach intensiven Trainingseinheiten oder Wettkämpfen. Die sehr niedrige Intensität fördert die Durchblutung und beschleunigt den Abtransport von Stoffwechselprodukten, ohne zusätzliche Ermüdung zu verursachen.
- Förderung der Regeneration
- Verbesserung der Grundlagenausdauer
- Optimierung des Fettstoffwechsels
- Mentale Entspannung
2. Grundlagenausdauer (GA1/GA2)
Der wichtigste Trainingsbereich für Radsportler! Die Grundlagenausdauer bildet das Fundament für alle höheren Intensitäten und macht 70-80% des Gesamttrainingsumfangs aus.
GA1 (Grundlagenausdauer 1):
- Intensität: 55-75% der FTP / HF Zone 2
- Dauer: 60-300 Minuten
- Laktatwert: 2-3 mmol/l
- Charakteristik: Konversationstempo, entspanntes Fahren
GA2 (Grundlagenausdauer 2):
- Intensität: 75-85% der FTP / HF Zone 3
- Dauer: 45-180 Minuten
- Laktatwert: 3-4 mmol/l
- Charakteristik: Tempo, bei dem Unterhaltung noch möglich, aber anstrengend ist
- Entwicklung der aeroben Kapazität
- Verbesserung der Mitochondriendichte
- Optimierung des Fettstoffwechsels
- Ökonomisierung der Bewegung
- Stärkung des Herz-Kreislauf-Systems
3. Schwellentraining (Tempo/Sweet Spot)
Das Schwellentraining findet nahe der anaeroben Schwelle statt und ist besonders effektiv für die Steigerung der Wettkampfleistung.
Sweet Spot (88-93% der FTP):
- Optimaler Bereich für Schwellentraining
- Hoher Trainingseffekt bei moderater Belastung
- Häufig in Intervallen von 2x20 oder 3x15 Minuten
Schwellenbereich (95-105% der FTP):
- Intensität: 95-105% der FTP / HF Zone 4
- Dauer: 8-40 Minuten (Intervalle)
- Laktatwert: 4-6 mmol/l
- Charakteristik: Maximal sustainable Pace für 40-60 Minuten
- Verschiebung der anaeroben Schwelle nach oben
- Verbesserung der Laktattoleranz
- Steigerung der muskulären Ausdauer
- Optimierung der Kohlenhydratverwertung
4. VO2max-Training (Aerobe Kapazität)
Intensität: 105-120% der FTP / HF Zone 5
Dauer: 3-8 Minuten (Intervalle)
Laktatwert: 6-10 mmol/l
Training im VO2max-Bereich verbessert die maximale Sauerstoffaufnahmekapazität und ist entscheidend für kurze, explosive Anstiege und Attacken im Rennen.
Typische Intervallformate:
- 5x5 Minuten mit 5 Minuten Pause
- 4x6 Minuten mit 6 Minuten Pause
- 8x3 Minuten mit 3 Minuten Pause
- Steigerung der maximalen Sauerstoffaufnahme
- Verbesserung der kardiovaskulären Leistung
- Erhöhung der anaeroben Kapazität
- Mentale Härte
5. Anaerober Bereich (Neuromuskular)
Intensität: > 120% der FTP / HF Zone 6-7
Dauer: 30 Sekunden - 3 Minuten
Laktatwert: > 10 mmol/l
Der anaerobe Bereich umfasst hochintensive Belastungen, bei denen die Energiebereitstellung primär ohne Sauerstoff erfolgt. Dieser Bereich ist entscheidend für Sprints, kurze Anstiege und Attacken.
- Entwicklung der anaeroben Kapazität
- Verbesserung der Sprintfähigkeit
- Steigerung der neuromuskulären Leistung
- Laktattoleranz
📊 Trainingsbereiche basierend auf FTP
Die Functional Threshold Power (FTP) ist die zentrale Referenzgröße für die Definition von Trainingsbereichen. Der FTP-Test sollte alle 6-8 Wochen wiederholt werden, um die Trainingsbereiche anzupassen.
Polarisiertes Training vs. Pyramidentraining
Zwei Hauptansätze dominieren die moderne Trainingsgestaltung im Radsport:
Polarisiertes Training (80/20-Methode)
Verteilung:
- 80% niedrige Intensität (Zone 1-2)
- 20% hohe Intensität (Zone 5-7)
- Minimaler Umfang in Zone 3-4
Vorteile:
- Maximale Erholung zwischen harten Einheiten
- Geringeres Verletzungsrisiko
- Bessere Langzeitform
Pyramidentraining
Verteilung:
- 75% niedrige Intensität (Zone 1-2)
- 20% mittlere Intensität (Zone 3-4)
- 5% hohe Intensität (Zone 5-7)
Vorteile:
- Ausgewogenere Belastung
- Mehr wettkampfspezifisches Training
- Flexiblere Trainingsgestaltung
📅 Praktische Anwendung: Wochenplanung
Beispielwoche für Amateurrennfahrer (10-12 Std/Woche)
- Montag: Ruhetag oder aktive Regeneration (45 Min Zone 1)
- Dienstag: Intervalltraining - 5x5 Min Zone 5 (Gesamt: 90 Min)
- Mittwoch: Grundlagenausdauer - 2 Std Zone 2
- Donnerstag: Schwellentraining - 2x20 Min Sweet Spot (Gesamt: 90 Min)
- Freitag: Regeneration - 60 Min Zone 1-2
- Samstag: Lange Ausfahrt - 3-4 Std Zone 2 mit kurzen Zone 4 Blöcken
- Sonntag: Gruppenausfahrt oder Wettkampf - 2-3 Std gemischt
Beispielwoche für Profis (25-30 Std/Woche)
- Montag: Regeneration - 2 Std Zone 1-2
- Dienstag: Hochintensiv - 2 Std mit VO2max-Intervallen + 2 Std locker
- Mittwoch: Grundlagenausdauer - 5 Std Zone 2
- Donnerstag: Schwellentraining - 3 Std mit Sweet Spot Blöcken
- Freitag: Grundlagenausdauer - 4 Std Zone 2
- Samstag: Lange Ausfahrt - 6 Std Zone 2-3
- Sonntag: Wettkampf oder intensive Gruppenausfahrt - 4-5 Std
⚠️ Häufige Fehler bei der Trainingsbereichsgestaltung
1. Zu viel Training in der "Grauzone" (Zone 3)
Problem: Viele Amateure trainieren zu häufig in Zone 3 - zu hart für echte Erholung, zu leicht für effektive Anpassungen.
Lösung: Konsequente Einhaltung der Polarisierung: Leichte Tage wirklich leicht (Zone 1-2), harte Tage wirklich hart (Zone 5+).
2. Vernachlässigung der Grundlagenausdauer
Problem: Fokus auf intensive Intervalle ohne ausreichende aerobe Basis.
Lösung: Mindestens 70% des Trainingsumfangs in Zone 1-2 absolvieren, besonders in der Saisonvorbereitung.
3. Falsche FTP-Werte
Problem: Unrealistisch hohe oder veraltete FTP führen zu falschen Trainingsbereichen.
Lösung: Regelmäßige FTP-Tests (alle 6-8 Wochen) und realistische Einschätzung der Leistungsfähigkeit.
4. Ignorieren der Herzfrequenzvariabilität
Problem: Starres Befolgen des Trainingsplans trotz Übertraining-Signalen.
Lösung: Tägliche Überwachung der Ruheherzfrequenz und HRV, Anpassung der Intensität bei Bedarf.
🔧 Trainingssteuerung: Methoden und Tools
Leistungsmessung (Watt)
Vorteile:
- Objektive, sofortige Messung
- Unabhängig von externen Faktoren
- Präzise Trainingssteuerung
Nachteile:
- Hohe Anschaffungskosten
- Technische Abhängigkeit
Herzfrequenzmessung
Vorteile:
- Kostengünstig
- Einfach zu verwenden
- Zeigt physiologische Reaktion
Nachteile:
- Verzögerte Reaktion (ca. 1-2 Min)
- Beeinflusst durch Stress, Temperatur, Müdigkeit
- Herzfrequenzdrift bei langen Einheiten
Subjektives Belastungsempfinden (RPE)
Vorteile:
- Keine Technik erforderlich
- Berücksichtigt Gesamtbelastung
- Entwickelt Körpergefühl
Nachteile:
- Subjektiv und anfällig für Selbstüberschätzung
- Erfordert Erfahrung
- Schwer vergleichbar
📆 Anpassung der Trainingsbereiche im Saisonverlauf
Verteilung: 85% Zone 1-2, 10% Zone 3-4, 5% Zone 5+
Ziel: Maximierung des aeroben Volumens
Verteilung: 75% Zone 1-2, 15% Zone 3-4, 10% Zone 5+
Ziel: Steigerung der FTP und Wettkampfspezifik
Verteilung: 70% Zone 1-2, 10% Zone 3-4, 20% Zone 5+
Ziel: Optimale Leistung bei Schlüsselrennen
Verteilung: 90% Zone 1-2, 10% Zone 3+
Ziel: Mentale und physische Erholung
✅ Checkliste: Optimale Nutzung der Trainingsbereiche
- FTP-Test alle 6-8 Wochen durchführen
- Trainingsbereiche basierend auf aktueller FTP berechnen
- Mindestens 70% des Trainings in Zone 1-2 absolvieren
- Harte Einheiten wirklich hart gestalten (Zone 5+)
- Ausreichend Regeneration zwischen intensiven Sessions
- Herzfrequenzvariabilität täglich überwachen
- Trainingsumfang graduell steigern (max. 10% pro Woche)
- Alle 3-4 Wochen Regenerationswoche einplanen
- Ernährung an Trainingsintensität anpassen
- Schlafqualität und -quantität optimieren (7-9 Std)
🔬 Wissenschaftliche Grundlagen
Die Einteilung in Trainingsbereiche basiert auf fundamentalen physiologischen Prinzipien:
Energiebereitstellung:
- Zone 1-2: Primär aerober Fettstoffwechsel
- Zone 3-4: Gemischte Energiebereitstellung (Fett + Kohlenhydrate)
- Zone 5+: Primär anaerobe Kohlenhydratverbrennung
Laktatdynamik:
- Unterhalb der aeroben Schwelle: Laktatproduktion = Laktatabbau
- An der anaeroben Schwelle: Maximales Laktat-Steady-State
- Oberhalb: Laktatakkumulation führt zu Ermüdung
Trainingsadaptation: Unterschiedliche Intensitäten stimulieren verschiedene physiologische Anpassungen auf molekularer, zellulärer und systemischer Ebene.
💡 Zusammenfassung
Trainingsbereiche sind das Fundament systematischen Radtrainings. Die präzise Einteilung ermöglicht:
- Optimierte Trainingsbelastung durch gezielte Stimulation spezifischer Energiesysteme
- Maximale Anpassungen bei gleichzeitig minimiertem Verletzungsrisiko
- Effiziente Wettkampfvorbereitung durch periodisierte Trainingsgestaltung
- Langfristige Leistungsentwicklung durch ausgewogene Belastungs-Erholungs-Balance
Die Kombination aus Leistungsmessung, Herzfrequenz und subjektivem Belastungsempfinden ermöglicht eine präzise und flexible Trainingssteuerung für alle Leistungsniveaus - vom Hobbysportler bis zum Profi.
Letzte Aktualisierung: 11. November 2025
Autor: Fabian Rossbacher