🎯 Periodisierung im Radsport

Die Periodisierung ist ein fundamentales Konzept der Trainingswissenschaft und bezeichnet die systematische Planung und Strukturierung des Trainings in aufeinander aufbauende Zyklen. Im Radrennsport ermöglicht eine durchdachte Periodisierung die gezielte Entwicklung von Form, Leistung und Fitness über das gesamte Jahr hinweg, während gleichzeitig Übertraining verhindert und die Wettkampfleistung zum optimalen Zeitpunkt maximiert wird.

Grundprinzipien der Periodisierung

Die Periodisierung basiert auf dem Verständnis, dass der menschliche Körper nicht das ganze Jahr über Höchstleistungen erbringen kann. Stattdessen folgt die Leistungsentwicklung wellenförmigen Mustern mit Phasen der Belastung, Anpassung und Regeneration.

Biologische Grundlagen

Der Körper reagiert auf Trainingsreize mit Anpassungsprozessen, die Zeit benötigen. Durch die Variation von Trainingsvolumen, -intensität und -spezifität werden verschiedene physiologische Systeme optimal entwickelt.

Superkompensations-Zyklus

Phase 1
Trainingsreiz: Intensive Belastung setzt Anpassungsreiz
Phase 2
Ermüdung: Leistungsniveau sinkt temporär
Phase 3
Regeneration: Körper erholt sich und passt sich an
Phase 4
Superkompensation: Leistungsniveau steigt über Ausgangsniveau

Hierarchie der Trainingszyklen

Die Periodisierung gliedert das Training in drei hierarchische Ebenen: Makrozyklen, Mesozyklen und Mikrozyklen. Jede Ebene erfüllt spezifische Funktionen und trägt zur Gesamtentwicklung bei.

Makrozyklen

Der Makrozyklus umfasst in der Regel eine gesamte Saison oder ein Jahr und stellt die oberste Planungsebene dar. Im Radrennsport wird ein Makrozyklus typischerweise in vier bis sechs große Phasen unterteilt.

Typischer Jahres-Makrozyklus im Radsport

Phase
Dauer
Schwerpunkt
Trainingscharakteristik
Übergangsphase
2-4 Wochen
Aktive Regeneration
Niedrige Intensität, alternatives Training
Vorbereitungsphase I
8-12 Wochen
Grundlagenausdauer
Hohes Volumen, niedrige Intensität
Vorbereitungsphase II
6-8 Wochen
Kraftausdauer
Mittleres Volumen, mittlere Intensität
Wettkampfvorbereitung
4-6 Wochen
Spezifische Ausdauer
Reduziertes Volumen, hohe Intensität
Wettkampfphase
12-20 Wochen
Form & Leistung
Niedriges Volumen, sehr hohe Intensität

Die Länge und Aufteilung der einzelnen Phasen variiert je nach Zielwettkämpfen, individueller Leistungsfähigkeit und Spezialisierung des Athleten.

Mesozyklen

Mesozyklen sind mittelfristige Trainingsblöcke von typischerweise drei bis sechs Wochen Dauer. Sie bilden die mittlere Planungsebene und strukturieren die großen Phasen des Makrozyklus in konkrete Trainingsblöcke.

Belastungsstruktur Mesozyklus

Woche 1
70% Belastung
Woche 2
80% Belastung
Woche 3
90% Belastung
Woche 4
50% Regeneration

Mikrozyklen

Der Mikrozyklus ist die kleinste Planungseinheit und umfasst typischerweise eine Woche. Hier wird das Training in einzelne Trainingseinheiten mit spezifischen Inhalten aufgeschlüsselt.

Beispiel-Mikrozyklus Wettkampfvorbereitung

  • Montag: Ruhetag oder aktive Regeneration (60 Minuten locker)
  • Dienstag: Hochintensives Intervalltraining (VO2max-Intervalle)
  • Mittwoch: Mittellange Grundlagenausfahrt (90-120 Minuten GA1)
  • Donnerstag: Tempodauerfahrt an der Schwelle (60-80 Minuten)
  • Freitag: Kurze lockere Ausfahrt (60 Minuten GA1)
  • Samstag: Lange Grundlagenausfahrt (3-4 Stunden GA1/GA2)
  • Sonntag: Sprinttraining oder Techniktraining (90 Minuten)

Periodisierungsmodelle

In der Trainingswissenschaft haben sich verschiedene Periodisierungsmodelle etabliert, die unterschiedliche Philosophien und Ansätze verfolgen.

Klassische Periodisierung

Die klassische oder lineare Periodisierung wurde vom russischen Sportwissenschaftler Lev Matveyev entwickelt. Sie zeichnet sich durch einen progressiven Aufbau aus.

Charakteristika

  • Linearer Aufbau von niedriger zu hoher Intensität
  • Hohes Volumen in der Vorbereitungsphase
  • Kontinuierliche Reduktion des Volumens zur Wettkampfphase
  • Eine große Formspitze pro Jahr
  • Ideal für Athleten mit einem Hauptwettkampf

Blockperiodisierung

Die Blockperiodisierung wurde von Vladimir Issurin entwickelt und strukturiert das Training in hochkonzentrierte Blöcke von zwei bis vier Wochen.

Drei Hauptblöcke

Block 1: Akkumulation

Entwicklung der Grundlagen: Ausdauer, Kraft, Technik. Hohes Trainingsvolumen, niedrige Intensität.

Block 2: Transformation

Umwandlung in spezifische Leistungsfähigkeit. Mittleres Volumen, mittlere bis hohe Intensität.

Block 3: Realisation

Maximierung der Wettkampfleistung. Niedriges Volumen, sehr hohe Intensität.

Wellenförmige Periodisierung

Die wellenförmige oder undulierende Periodisierung variiert Trainingsvolumen und -intensität häufiger, oft innerhalb eines Mikrozyklus.

Vorteile

  • Höhere Trainingsvariation reduziert Monotonie
  • Mehrere Formspitzen pro Jahr möglich
  • Geringeres Übertrainingsrisiko
  • Bessere Anpassung an Wettkampfkalender
  • Ideal für lange Wettkampfsaisons

Tapering und Peaking

Tapering bezeichnet die geplante Reduktion des Trainingsvolumens bei gleichzeitiger Beibehaltung der Intensität in den letzten ein bis drei Wochen vor einem wichtigen Wettkampf.

Tapering-Strategien

Tapering-Typ
Volumenreduktion
Intensität
Dauer
Anwendung
Lineares Tapering
Kontinuierlich -20-30%
Konstant hoch
2-3 Wochen
Lange Etappenrennen
Exponentielles Tapering
Schnelle Reduktion -40-60%
Konstant hoch
1-2 Wochen
Eintagesrennen, Zeitfahren
Stufenförmiges Tapering
Abrupte Reduktion -50%
Hoch mit Variation
1 Woche
Bahnwettkämpfe

Monitoring und Anpassung

Eine erfolgreiche Periodisierung erfordert kontinuierliches Monitoring der Trainingsbelastung und der physiologischen Anpassungen.

Monitoring-Methoden

Objektive Messgrößen

  • Herzfrequenz in Ruhe (HFruhe) und Variabilität (HRV)
  • Leistungsdaten (Watt, Wattschwellen)
  • Laktatwerte bei Stufentests
  • Körpergewicht und -zusammensetzung
  • Schlafqualität und -dauer (Tracking-Geräte)

Subjektive Parameter

  • Perceived Exertion (RPE) nach Borg-Skala
  • Ermüdungs- und Erholungsgefühl
  • Motivationsniveau
  • Schlafqualität (subjektiv)
  • Appetit und Verdauung

⚠️ Warnsignale Übertraining

  • Anhaltend erhöhte Ruhe-Herzfrequenz (mehr als 5 Schläge)
  • Reduzierte Herzfrequenzvariabilität über mehrere Tage
  • Verschlechterung der Leistungswerte trotz Training
  • Chronische Müdigkeit und Antriebslosigkeit
  • Erhöhte Infektanfälligkeit
  • Schlafstörungen und Appetitlosigkeit
  • Verlust der Trainingsmotivation

Flexibilität in der Planung

Eine Periodisierung sollte als Leitfaden verstanden werden, nicht als starres Korsett. Unvorhergesehene Ereignisse erfordern Anpassungen des Plans.

Grundregeln für Anpassungen

  • Krankheit: Training pausieren bis zur vollständigen Genesung
  • Leichte Ermüdung: Regenerationswoche vorziehen
  • Außergewöhnliche Form: Tapering-Phase verkürzen
  • Wettkampfabsage: Trainingsfokus anpassen
  • Verletzung: Alternativtraining und ärztliche Beratung

Integration verschiedener Trainingsinhalte

Eine ganzheitliche Periodisierung berücksichtigt nicht nur die Ausdauerkomponente, sondern integriert systematisch alle leistungsrelevanten Faktoren.

Krafttraining

Krafttraining sollte über das Jahr hinweg in die Periodisierung eingebunden werden, mit variierenden Schwerpunkten:

  • Übergangsphase: Anatomische Anpassung, Grundlagenarbeit
  • Vorbereitungsphase I: Maximalkraft und Hypertrophie
  • Vorbereitungsphase II: Kraftausdauer und Schnellkraft
  • Wettkampfphase: Erhaltungstraining (1x/Woche)

💡 Wichtig zu wissen

Die beste Periodisierung nutzt nichts, wenn die Grundlagen nicht stimmen: Ausreichend Schlaf, optimale Ernährung und konsequente Regeneration sind die Basis jeder erfolgreichen Trainingsplanung.

Saisonplanung im Radsport

Die konkrete Umsetzung der Periodisierung hängt stark von der Spezialisierung und den Zielwettkämpfen ab.

Straßenrennen

Straßenfahrer planen ihre Saison oft um ein bis drei Hauptziele herum. Die Periodisierung erstreckt sich über acht bis zehn Monate aktive Trainings- und Wettkampfzeit.

Beispiel: Ziel Grand Tour im Juli

Nov-Dez
Übergangsphase - Aktive Regeneration
Jan-Feb
Grundlagenphase 1 - Hohes Volumen
März-Apr
Grundlagenphase 2 - Erste Rennen
Mai
Intensivierungsphase
Juni
Wettkampfvorbereitung
Juli
Hauptziel - Grand Tour

Bahnradsport

Bahnspezialisten arbeiten oft mit mehreren Formspitzen pro Jahr, ausgerichtet auf Weltcups und Weltmeisterschaften. Die Blockperiodisierung eignet sich hier besonders gut.

Zeitfahren

Zeitfahrspezialisten konzentrieren sich auf wenige, präzise Formspitzen und legen großen Wert auf aerodynamische Tests und positionsspezifisches Training.

Häufige Fehler bei der Periodisierung

Zu aggressive Belastungssteigerung

Die 10-Prozent-Regel besagt, dass das wöchentliche Trainingsvolumen nicht um mehr als 10 Prozent gesteigert werden sollte. Zu schnelle Steigerungen führen zu Übertraining und Verletzungen.

Vernachlässigung der Regeneration

Regenerationswochen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern essentiell für Anpassungsprozesse. Viele Athleten unterschätzen die Bedeutung geplanter Erholungsphasen.

Monotonie im Training

Zu wenig Variation führt zu Stagnation und mentaler Ermüdung. Die Periodisierung sollte abwechslungsreiche Trainingsreize bieten.

⚠️ Wichtiger Hinweis

Die häufigste Ursache für ausbleibende Trainingsfortschritte ist nicht zu wenig, sondern zu viel Training ohne ausreichende Regeneration. Mehr Training ist nicht automatisch besser!

Periodisierung für verschiedene Leistungsniveaus

Hobbyfahrer und Einsteiger

Hobbyfahrer sollten sich auf eine solide Grundlagenphase konzentrieren und zwei bis drei moderate Formspitzen pro Jahr anstreben.

Empfohlene Struktur

  • Winter: Indoor-Training, Krafttraining, niedrige Intensität
  • Frühjahr: Grundlagenaufbau, erste Ausfahrten
  • Sommer: Hauptwettkämpfe oder sportive Events
  • Herbst: Nachsaison mit lockeren Ausfahrten

Ambitionierte Amateure

Ambitionierte Amateure trainieren strukturiert mit 8-12 Stunden pro Woche und können eine elaboriertere Periodisierung mit klaren Mesozyklen umsetzen.

Profis

Profis arbeiten mit Trainern und Sportwissenschaftlern an hochkomplexen, individualisierten Periodisierungsplänen.

Technologie und Tools

Moderne Technologie unterstützt die Umsetzung und Überwachung der Periodisierung erheblich.

Training-Peaks und Coaching-Software

Plattformen wie TrainingPeaks, Today's Plan oder Wahoo Systm bieten umfassende Tools für Periodisierungsplanung, Training Stress Score (TSS) Tracking und Formanalyse.

Leistungsmessung

Powermeter ermöglichen präzise Steuerung der Trainingsintensität und objektive Bewertung von Trainingsfortschritten über alle Phasen der Periodisierung.

Wearables und Recovery-Tracking

Geräte wie Whoop, Oura Ring oder Garmin Watches tracken Erholung, Schlafqualität und Herzfrequenzvariabilität und helfen, die Trainingsbelastung optimal zu steuern.

Zusammenfassung und praktische Tipps

Die Periodisierung ist das Fundament erfolgreichen Trainings im Radsport. Eine durchdachte Strukturierung in Makro-, Meso- und Mikrozyklen, angepasst an individuelle Voraussetzungen und Zielwettkämpfe, maximiert die Leistungsentwicklung und minimiert das Risiko von Übertraining.

Praktische Empfehlungen

  • Planen Sie rückwärts von Ihren Hauptzielen
  • Integrieren Sie alle 3-4 Wochen eine Regenerationswoche
  • Variieren Sie Trainingsreize regelmäßig
  • Monitoren Sie Ihre Erholung konsequent
  • Bleiben Sie flexibel und passen Sie den Plan bei Bedarf an
  • Dokumentieren Sie Ihr Training und lernen Sie aus vergangenen Saisons
  • Holen Sie sich professionelle Beratung bei der Planung
  • Priorisieren Sie Schlaf und Ernährung

💡 Praktischer Tipp

Nutzen Sie ein Trainingstagebuch oder eine App, um Trainingsbelastung, Erholung und Wohlbefinden zu dokumentieren. Diese Daten helfen Ihnen, Muster zu erkennen und zukünftige Periodisierungen zu optimieren.

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Letzte Aktualisierung: 10. November 2025