Madison

Die Madison ist eine der spektakulärsten Team-Disziplinen im Bahnradsport. Zwei Fahrer bilden ein Duo, wechseln sich im Rennen durch den charakteristischen Handschleuder-Wechsel ab und sammeln bei Zwischensprints Punkte – ein Mix aus Ausdauer, Sprintkraft und perfekt abgestimmter Partnerschaft. Als olympische Disziplin und Highlight der Bahn-WM zählt die Madison zu den emotionalsten Momenten jeder Velodrom-Veranstaltung.

Madison als Team-Disziplin

Im Gegensatz zur Team-Verfolgung, bei der vier Fahrer gleichzeitig auf der Bahn sind, starten bei der Madison nur zwei Fahrer pro Team – aber nie beide gleichzeitig im aktiven Renngeschehen. Während ein Partner sprintet und Punkte sammelt, rollt der andere oberhalb der Steilkurve und erholt sich. Der Wechsel erfolgt durch den berühmten Handschleuder-Wechsel (englisch: hand-sling exchange): Der aktive Fahrer greift den Partner am Handgelenk oder Unterarm und katapultiert ihn mit Schwung ins Rennen.

Die Madison gehört zur Kategorie der Team-Disziplinen im Bahnradsport und unterscheidet sich fundamental von Einzeldisziplinen wie der Verfolgung. Erfolg hängt nicht nur von der individuellen Leistung ab, sondern von der Chemie zwischen zwei Partnern, die oft über Jahre hinweg gemeinsam trainieren.

Besonderheit: Nur ein Fahrer pro Team ist jederzeit aktiv im Rennen. Der Partner darf oberhalb der blauen Linie rollen und sich erholen – ein einzigartiges Element, das die Madison von allen anderen Bahndisziplinen abhebt.

Geschichte: Vom Madison Square Garden zur Olympia-Bühne

Der Name Madison stammt vom Madison Square Garden in New York City, wo diese Rennform Anfang des 20. Jahrhunderts bei Sechstagerennen entstand. Fahrer wechselten sich über mehrere Tage hinweg ab und sammelten Runden- sowie Sprintpunkte – ein Spektakel, das Zehntausende in die Hallen lockte.

Die Disziplin erlebte in den 1920er und 1930er Jahren ihre Blütezeit in europäischen Velodromen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Madison an Bedeutung, wurde aber ab 1995 offizielle Disziplin bei der Bahn-WM und kehrte 2000 als olympische Disziplin in Sydney zurück. Nach einer kurzen Olympia-Pause ab 2012 feierte die Madison 2020 in Tokio ihr Comeback und ist seit Paris 2024 fest im olympischen Programm verankert.

1899
Erste Sechstagerennen im Madison Square Garden
1920er
Blütezeit in europäischen Velodromen
1995
Offizielle Bahn-WM-Disziplin
2000
Olympia-Debüt in Sydney
2020
Rückkehr als olympische Disziplin in Tokio
2024
Paris – fest im olympischen Programm verankert

Regeln und Wettkampfformat

Grundprinzip

Bei der Madison treten mehrere Zweier-Teams gleichzeitig auf der Bahn an. Das Rennen läuft über eine festgelegte Distanz, und bei regelmäßigen Sprintwertungen (englisch: sprints) können Teams Punkte sammeln. Am Ende gewinnt das Team mit den meisten Punkte; bei Punktgleichheit entscheidet die Runde des letzten Sprintgewinners über den Sieg.

Distanzen und Sprintwertungen

Parameter
Männer
Frauen
Renndistanz
50 km (200 Runden auf 250-m-Bahn)
30 km (120 Runden auf 250-m-Bahn)
Anzahl Sprintwertungen
16 Sprints (alle 10 Runden)
12 Sprints (alle 10 Runden)
Punkteverteilung pro Sprint
5 / 3 / 2 / 1 für Plätze 1–4
5 / 3 / 2 / 1 für Plätze 1–4
Teamgröße
2 Fahrer
2 Fahrer
Oberste Geschwindigkeit
Bis ca. 65 km/h in Sprints
Bis ca. 60 km/h in Sprints
Qualifikation Olympia
16 Teams (Nationen-Cup-Ranking)
12 Teams (Nationen-Cup-Ranking)

Der Handschleuder-Wechsel

Der Wechsel ist das technische Herzstück der Madison und gleichzeitig die größte Fehlerquelle:

  1. Annäherung: Der aktive Fahrer fährt unterhalb der Steilkurve und nähert sich seinem Partner, der oberhalb der blauen Linie rollt.
  2. Griff: Der aktive Fahrer greift den Unterarm oder das Handgelenk des Partners.
  3. Schleuder: Mit einem kräftigen Schwung wird der Partner nach vorne katapultiert – oft bei über 50 km/h.
  4. Übergabe: Der bisher aktive Fahrer schwenkt nach oben aus und rollt oberhalb der Steilkurve zur Erholung.
  5. Timing: Der Wechsel muss flüssig und ohne Behinderung anderer Teams erfolgen – Fehlgriffe kosten wertvolle Sekunden oder führen zu Stürzen.

Ein misslungener Handschleuder-Wechsel bei voller Geschwindigkeit ist eine der häufigsten Unfallursachen im Bahnradsport. Teams trainieren den Wechsel hunderte Male, bis er im Wettkampf unter Druck sitzt.

Handschleuder-Wechsel – Ablauf in 5 Schritten:

  1. Partner oben rollen
  2. Aktiver Fahrer greift Unterarm
  3. Schleuder-Bewegung nach vorne
  4. Neuer aktiver Fahrer sprintet
  5. Alter Fahrer rollt oben zur Erholung

Madison im Vergleich zu anderen Team-Disziplinen

Kriterium
Madison
Team-Verfolgung
Teamsprint
Teamgröße
2 Fahrer
4 Fahrer
3 Männer / 2 Frauen
Aktive Fahrer gleichzeitig
1 pro Team
4 (Rotation)
3 bzw. 2 nacheinander
Charakter
Ausdauer + Sprint + Taktik
Reine Ausdauer
Explosiver Sprint
Wertung
Punkte bei Sprints
Zeit
Zeit
Typische Distanz
30–50 km
4.000 m
750 m (M) / 500 m (F)
Partnerwechsel
Handschleuder-Wechsel
Rotation an der Spitze
Staffel-Übergabe

Taktik und Partnerwahl

Rollenverteilung im Duo

Erfolgreiche Madison-Teams setzen auf komplementäre Fahrertypen:

  • Sprinter: Explosiv, punktstark in den Zwischensprints, übernimmt die entscheidenden Wertungen
  • Ausdauer-Motor: Hält das hohe Renntempo, bringt den Sprinter in Position und sammelt Zwischenpunkte
  • Allrounder: Kann beide Rollen übernehmen und flexibel auf Rennsituationen reagieren

Ideale Partner kennen sich blind – sie spüren den richtigen Moment für den Wechsel und kommunizieren ohne Worte. Viele erfolgreiche Duos trainieren jahrelang zusammen, bevor sie bei Olympia oder der WM antreten.

Renntaktik bei Sprintwertungen

Die strategischen Phasen eines Madison-Rennens:

  1. Frühe Phase: Teams orientieren sich, testen Gegner und sammeln erste Punkte ohne Überlastung
  2. Mittlere Phase: Stärkere Teams versuchen, Schwächere auszuschöpfen und den Punktevorsprung auszubauen
  3. Schlussphase: Die letzten Sprintwertungen entscheiden – Sprinter werden maximiert eingesetzt, Wechsel werden häufiger
  4. Endspurt: Bei Punktgleichheit zählt die Runde des letzten Sprintgewinners als Tiebreaker

Tipp: Top-Teams planen den Wechsel vor jedem Sprint minuten genau: Der frischere Partner übernimmt die Wertung, während der erschöpfte Fahrer oben rollt und sich für den nächsten Sprint erholt.

Zusammenhang mit Punktefahren und Omnium

Die Madison teilt mit dem Punktefahren das Prinzip der Sprintwertungen und hohen Renngeschwindigkeiten. Im Omnium war die Madison bis 2016 eine der sechs Einzeldisziplinen – heute ist sie als eigenständige olympische Disziplin aus dem Omnium ausgegliedert, bleibt aber fachlich eng mit den Ausdauer-Disziplinen verbunden.

Ausrüstung und Material

Für die Madison gelten dieselben UCI-Regeln wie für alle Bahndisziplinen. Die Fahrzeuge sind spezialisierte Bahnräder mit festem Gang – Bremsen sind nicht erlaubt. Besonders wichtig für Madison-Fahrer:

  • Steifigkeit des Rahmens für explosive Sprints aus dem Stand
  • Kompakte Geometrie für enge Gruppensituationen bei Sprintwertungen
  • Aerodynamische Helme mit guter Belüftung für lange Renndistanzen
  • Identische Gangübersetzung beider Partner, damit Wechsel ohne Anpassung funktionieren

Erfolgreiche Nationen und Olympia

Bei den Bahnrennen bei Olympia und der Bahn-WM dominieren unterschiedliche Nationen:

Nation
Stärke
Bekannte Fahrer / Teams
Großbritannien
Olympia-Gold Tokio 2020 (M + F)
Laura Kenny / Katie Archibald, Matthew Walls / Mark Stewart
Dänemark
WM-Titel, starke Sprint-Ausdauer-Kombination
Michael Mørkøv / Lasse Norman Hansen
Frankreich
Traditionelle Madison-Nation, Sechstager-Erfahrung
Donovan Grondin / Benjamin Thomas
Neuseeland
Starke Frauen-Madison
Ellesse Andrews / Nicole Shields
Deutschland
Aufstrebende Nation mit Bahn-Tradition
Roger Kluge / Theo Reinhardt

Olympia Madison Tokio 2020 – Medaillenverteilung: Gold Großbritannien (Männer und Frauen), Silber Dänemark (Männer) und Frankreich (Frauen), Bronze Dänemark (Männer) und Neuseeland (Frauen).

Training für Madison-Teams

Physische Anforderungen

Madison-Fahrer brauchen ein seltenes Profil zwischen Sprinter und Ausdauerfahrer:

  • FTP: 400–450 Watt bei Elite-Männern über lange Distanzen
  • Sprintfähigkeit: 1.500–1.800 Watt Peak für Sprintwertungen
  • Laktattoleranz: Fähigkeit, nach Erholungsphasen sofort wieder Vollgas zu geben
  • Koordination: Hunderte fehlerfreie Handschleuder-Wechsel unter Wettkampfbedingungen

Trainingsbausteine für Zweier-Teams

  1. Wechsel-Training: Tägliche Handschleuder-Übungen bei verschiedenen Geschwindigkeiten auf der Bahn
  2. Sprint-Intervalle: 10–15 x 200-Meter-Sprints mit Wechsel-Simulation
  3. Ausdauer-Einheiten: 60–90 Minuten bei Renntempo auf der Bahn oder dem Rollentrainer
  4. Rennsimulation: Vollständige Madison-Distanz mit allen Sprintwertungen
  5. Videoanalyse: Wechsel und Sprintpositionen aus Wettkämpfen auswerten

Checkliste: Vorbereitung auf einen Madison-Wettkampf

  • ✓ Handschleuder-Wechsel links und rechts fehlerfrei geprobt
  • ✓ Sprintplan für alle Wertungen mit dem Partner abgestimmt
  • ✓ Identische Gangübersetzung auf beiden Rädern kontrolliert
  • ✓ Material auf UCI-Konformität geprüft
  • ✓ Bahn-Eingewöhnung mindestens 3 Tage vor dem Wettkampf absolviert
  • ✓ Ernährungsstrategie für 30–50 km Renndistanz geplant
  • ✓ Notfallplan bei Sturz oder Materialdefekt besprochen
  • ✓ Gegneranalyse: Stärken und Schwächen der Konkurrenz-Duos recherchiert

Zuschauerperspektive: Warum Madison fasziniert

Für Zuschauer im Velodrom ist die Madison ein einzigartiges Erlebnis:

  • Der Handschleuder-Wechsel in voller Fahrt – spektakulär und nervenaufreibend
  • Mehrere Teams gleichzeitig auf der Bahn, die um Positionen in den Sprints kämpfen
  • Taktische Wendungen, wenn Teams in den letzten Wertungen alles riskieren
  • Die Partnerschaft zweier Fahrer, die sich blind verstehen müssen

Häufige Fragen zur Madison

F: Warum heißt es Madison?
A: Der Name stammt vom Madison Square Garden in New York, wo die Disziplin bei Sechstagerennen entstand.

F: Wie oft wechseln die Fahrer?
A: Je nach Taktik alle 1–3 Runden; vor Sprintwertungen häufiger.

F: Was passiert bei Punktgleichstand?
A: Die Runde des letzten Sprintgewinners entscheidet.

F: Unterschied zur Team-Verfolgung?
A: Madison: 2 Fahrer, Punktesystem, Wechsel per Handschleuder. Team-Verfolgung: 4 Fahrer, Zeitfahren, Rotation.

F: Ist Madison olympisch?
A: Ja, seit 2000 (mit Pause 2012–2016), fest im Programm seit Tokio 2020.

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Letzte Aktualisierung: 3. Juli 2026

Häufig gestellte Fragen zur Madison im Bahnradsport

Frage
Antwort
Warum heißt die Disziplin Madison und woher stammt sie?
Der Name Madison stammt vom Madison Square Garden in New York City, wo diese Rennform Anfang des 20. Jahrhunderts bei Sechstagerennen entstand. Fahrer wechselten sich über mehrere Tage hinweg ab und sammelten Runden- sowie Sprintpunkte. Die Disziplin erlebte in den 1920er und 1930er Jahren ihre Blütezeit in europäischen Velodromen und wurde ab 1995 offizielle Bahn-WM-Disziplin.
Wie funktioniert der Handschleuder-Wechsel bei der Madison?
Beim Handschleuder-Wechsel (englisch: hand-sling exchange) fährt der aktive Fahrer unterhalb der Steilkurve auf seinen Partner zu, der oberhalb der blauen Linie rollt. Er greift den Unterarm oder das Handgelenk und katapultiert den Partner mit einem kräftigen Schwung nach vorne – oft bei über 50 km/h. Anschließend schwenkt der bisher aktive Fahrer nach oben aus und erholt sich. Der Wechsel muss flüssig und ohne Behinderung anderer Teams erfolgen; Fehlgriffe kosten Sekunden oder können zu Stürzen führen.
Welche Renndistanzen und Sprintwertungen gelten für Männer und Frauen?
Bei den Männern beträgt die Renndistanz 50 km, also 200 Runden auf einer 250-Meter-Bahn, mit 16 Sprintwertungen alle zehn Runden. Bei den Frauen sind es 30 km bzw. 120 Runden und 12 Sprintwertungen, ebenfalls alle zehn Runden. Pro Sprint erhalten die Plätze eins bis vier jeweils fünf, drei, zwei bzw. einen Punkt. Am Ende gewinnt das Team mit den meisten Punkten; bei Punktgleichheit entscheidet die Runde des letzten Sprintgewinners.
Worin unterscheidet sich die Madison von der Team-Verfolgung und dem Teamsprint?
Bei der Madison starten zwei Fahrer pro Team, von denen stets nur einer aktiv im Rennen ist; gewertet wird über Punkte bei Sprintwertungen auf 30 bis 50 km Distanz. Die Team-Verfolgung läuft mit vier Fahrern gleichzeitig, wird als Zeitfahren über 4.000 Meter gewertet und nutzt Rotation an der Spitze. Der Teamsprint ist ein explosiver Kurzstreckenwettkampf mit drei Männern bzw. zwei Frauen und Staffel-Übergabe über 750 bzw. 500 Meter. Die Madison kombiniert Ausdauer, Sprint und Taktik – anders als die rein ausdauer- oder sprintorientierten Alternativen.
Ist die Madison eine olympische Disziplin?
Ja. Die Madison debütierte 2000 als olympische Disziplin in Sydney. Nach einer Pause ab 2012 kehrte sie 2020 in Tokio zurück und ist seit Paris 2024 fest im olympischen Programm verankert. Für Olympia qualifizieren sich bei den Männern 16 Teams und bei den Frauen 12 Teams über das Nationen-Cup-Ranking. In Tokio 2020 holte Großbritannien Gold bei Männern und Frauen.
Welche Rollen gibt es in einem Madison-Duo und wie wird taktisch gewechselt?
Erfolgreiche Teams setzen auf komplementäre Typen: einen explosiven Sprinter für die entscheidenden Wertungen, einen Ausdauer-Motor für Tempo und Positionierung sowie optional Allrounder, die beide Rollen abdecken. Je nach Taktik wechseln die Fahrer alle ein bis drei Runden; vor Sprintwertungen häufiger. Top-Teams planen den Wechsel vor jedem Sprint so, dass der frischere Partner die Wertung übernimmt, während der erschöpfte Partner oben rollt und sich erholt.
Welche physischen Anforderungen und welche Ausrüstung sind für die Madison typisch?
Elite-Männer brauchen laut Seitenbeschreibung ein Profil zwischen Sprinter und Ausdauerfahrer: etwa 400 bis 450 Watt FTP über lange Distanzen und Peak-Sprintleistungen von 1.500 bis 1.800 Watt, dazu hohe Laktattoleranz und hunderte fehlerfreie Handschleuder-Wechsel. Gefahren wird auf spezialisierten Bahnrädern mit festem Gang ohne Bremsen nach UCI-Regeln. Wichtig sind steife Rahmen, kompakte Geometrie, gut belüftete Aero-Helme und identische Gangübersetzung beider Partner, damit Wechsel ohne Anpassung funktionieren.