Allrounder und Vielseitige
Allrounder sind die vielseitigsten Athleten im Profi-Radsport. Während Sprinter auf flachen Etappen dominieren, Bergkönige in den Alpen glänzen und Zeitfahr-Spezialisten gegen die Uhr fahren, vereinen Allrounder mehrere Stärken in einer Person. Sie können bergauf mit den Besten fahren, auf flachen Strecken mit hohem Tempo rollen, im Zeitfahren wertvolle Sekunden gutmachen und gelegentlich sogar Klassiker oder Etappensprints gewinnen. Diese Vielseitigkeit macht sie zu den gefährdesten Gegnern in Grand Tours und zu den faszinierendsten Persönlichkeiten der Radsportgeschichte.
Was macht einen Allrounder aus?
Ein Allrounder – im peloton oft als Puncher, Baroudeur oder GC-Fahrer mit Breitensport-Profil bezeichnet – ist ein Fahrer, der auf unterschiedlichen Streckenprofilen auf Top-Niveau mithalten kann. Im Gegensatz zum reinen Kletterer fehlt ihm selten die Kraft auf flachen Etappen; im Gegensatz zum Sprinter kann er lange Anstiege mit hoher Watt/kg-Leistung bewältigen.
Abgrenzung zu Spezialisten
Die Grenze zwischen Allrounder und Spezialist ist fließend. Ein GC-Fahrer, der nur in den Bergen überzeugt, gilt eher als Kletterer. Wer zusätzlich flache Zeitfahren und wellige Klassiker gewinnen kann, wird als echter Allrounder gehandelt.
Vergleich der vier Allrounder-Typen: Kletterer, GC-Allrounder, Klassiker-Allrounder und TT-Allrounder – mit unterschiedlichen Stärken in Berg, Flach, Pavé und Zeitfahren.
Ausführliche Definitionen zu GC-Fahrern finden sich im Artikel zum GC-Fahrer und Klassement-Spezialist.
Physiologisches Profil eines Allrounders
Allrounder benötigen ein ausgewogenes Leistungsprofil: hohe aerobe Kapazität, solide Schwellenleistung und ausreichend Watt pro Kilogramm für lange Anstiege – ohne dabei die Masse eines Sprinters zu tragen.
Leistungsprofil moderner GC-Allrounder: Watt/kg auf Anstiegen (6,5+), FTP absolut (420 W), ITT-Leistung (420-450 W). Trend: Allrounder werden leichter und behalten TT-Stärke.
Mehr zu physiologischen Fahrertypen im Überblick unter Fahrertypen und physiologische Profile.
Mentale und taktische Eigenschaften
- Geduld über drei Wochen – Grand Tours erfordern konstante Leistung ohne Ausreißer
- Selbstkontrolle in Attacken – Nicht jede Attacke mitgehen, Energie für die entscheidenden Tage sparen
- Flexibilität – Zwischen Führungsarbeit, Bergangriff und Zeitfahren wechseln
- Teamorientierung – Als Kapitän das Team koordinieren und Verantwortung tragen
- Schmerztoleranz – Mehrere harte Bergtage und Zeitfahren in Folge bewältigen
Legendäre Allrounder der Radsportgeschichte
Die Geschichte des Radsports ist reich an Fahrern, die Disziplinen überschritten und Maßstäbe setzten.
Eddy Merckx – Der Cannibale
Eddy Merckx gilt als der vielseitigste Radprofi aller Zeiten. Der Belgier gewann fünfmal die Tour de France, fünfmal den Giro d'Italia und zahlreiche Klassiker. Merckx dominierte flache Etappen, Berge und Zeitfahren gleichermaßen – sein Spitzname „Der Cannibale" beschreibt seine Gier nach Siegen in jeder Disziplin. Kein Fahrer vor oder nach ihm erreichte diese Bandbreite an Erfolgen.
Merckx' Erfolgsbilanz (Auswahl):
- 11 Grand-Tour-Gesamtsiege
- Siege bei allen fünf Monument-Klassikern
- Weltmeister Straße und Bahn
- Hour Record (1972)
fünffacher Tour-Sieger – Der Badger
Bernard Hinault kombinierte GC-Stärke mit Klassiker-Erfolgen. Der Franzose gewann fünfmal die Tour de France, zweimal den Giro und triumphierte bei Paris-Roubaix und der Lombardei-Rundfahrt. Hinaults aggressiver Fahrstil und seine Fähigkeit, im Zeitfahren und am Berg gleich stark zu sein, machten ihn zum Inbegriff des modernen Allrounders.
Miguel Indurain – Der stille Zeitfahr-Allrounder
Miguel Indurain gewann fünf Tour de France in Folge (1991–1995) und dominierte dabei vor allem durch überlegene Zeitfahrleistungen. Der Spanier war kein extremer Kletterer, aber sein Tempo am Berg und seine Unschlagbarkeit gegen die Uhr machten ihn zum perfekten Grand-Tour-Allrounder seiner Ära.
Allrounder-Ären im Radsport
Moderne Allrounder und Vielseitige
Im modernen Radsport verschiebt sich die Definition des Allrounders: Leichtere Kletterer gewinnen Zeitfahren, und Klassiker-Spezialisten greifen in Wochenrennen nach der Gesamtwertung.
Tadej Pogačar – Der Neo-Allrounder
Tadej Pogačar verkörpert den modernen GC-Allrounder. Der Slowene gewann mehrfach Tour de France und Giro d'Italia, dominiert lange Bergankünfte und fährt Zeitfahren auf Weltklasse-Niveau. Pogačar greift gelegentlich auch bei Eintagesrennen und Klassikern an – seine Vielseitigkeit setzt neue Maßstäbe für junge GC-Fahrer.
Mathieu van der Poel – Der Klassiker-Allrounder
Mathieu van der Poel ist das Gegenteil des klassischen GC-Allrounders: Er gewinnt Paris-Roubaix, die Flandern-Rundfahrt und Strade Bianche, startet aber auch bei Grand Tours und Wochenrennen. Van der Poels Cyclocross-Hintergrund, seine explosive Kraft und seine Ausdauer machen ihn zum vielseitigsten Klassiker-Fahrer seiner Generation.
Wout van Aert – Der Universalist
Wout van Aert vereint Sprint, Zeitfahren und Klassiker-Stärke. Der Belgier gewann Etappen bei der Tour de France, triumphierte bei Paris-Roubaix und Sanremo und dominierte im Cyclocross. Van Aert zeigt, dass Vielseitigkeit im modernen Radsport auch ohne GC-Ambitionen zu Weltklasse-Niveau führen kann.
Typen der Vielseitigkeit: Allrounder lassen sich in GC-Allrounder (z. B. Pogačar), Klassiker-Allrounder (z. B. van der Poel) und Universalisten (z. B. van Aert) unterteilen – jeweils mit unterschiedlichen Rennzielen und Profilschwerpunkten.
Wettkämpfe für Allrounder
Allrounder richten ihren Saisonkalender auf Rennen aus, die unterschiedliche Fähigkeiten verlangen:
Grand Tours und Etappenrennen:
- Tour de France – Drei Wochen mit Bergen, Zeitfahren und Flachetappen
- Giro d'Italia – Oft bergiger und anspruchsvoller als die Tour
- Vuelta a España – Späte Saison, extreme Bergwertungen
Wochenrennen:
- Tirreno-Adriatico, Paris-Nizza, Tour de Romandie – Generalprobe vor Grand Tours
- Tour de Suisse – Berg und Zeitfahren in komprimierter Form
Eintagesrennen für vielseitige Fahrer:
- Strade Bianche, Amstel Gold Race – Hügel und technisch anspruchsvolle Passagen
- Lüttich-Bastogne-Lüttich – Ardennen-Klassiker mit kurzen, steilen Anstiegen
Saisonplanung eines GC-Allrounders
Training und Entwicklung zum Allrounder
Wer Allrounder werden will, muss Disziplinen gezielt kombinieren – ohne in reine Spezialisierung abzudriften.
Trainingsbausteine
- Grundlagenausdauer – Lange, ruhige Einheiten für die dreiwöchige Grand-Tour-Belastung
- Schwellentraining – Sweet-Spot und FTP-Einheiten für Zeitfahren und Tempo am Berg
- Bergintervalle – Wiederholte Anstiege mit 5,5-6,5 Watt/kg
- Zeitfahr-Simulation – Aero-Position und Pacing auf dem Rollentrainer
- Techniktraining – Abfahrten, Kopfsteinpflaster und Positionskampf im Peloton
Periodisierung über die Saison
Ein typischer Allrounder baut seine Form in Wellen auf: Im Winter liegt der Fokus auf Grundlage und Kraft, im Frühjahr folgen Wochenrennen als Test, vor der Grand Tour steht ein gezieltes Tapering. Nach der Hauptrunde erlauben kurze Erholungsphasen optional Start bei Herbstklassikern.
Wichtig
Allrounder trainieren breiter als Spezialisten – die Kunst liegt darin, Stärken zu erhalten, ohne Schwächen zu vernachlässigen. Zu viel TT-Training kann Bergleistung kosten, zu viel Bergtraining kann das Zeitfahren schwächen.
Checkliste: Erkennungsmerkmale eines echten Allrounders
- Kann auf HC-Anstiegen mit den Top-Kletterern mithalten
- Fährt flache Zeitfahren unter Top-10-Niveau
- Übersteht drei Wochen Grand Tour ohne Formeinbruch
- Gewinnt gelegentlich Etappen außerhalb des Bergprofils
- Startet erfolgreich bei unterschiedlichen Rennformaten
- Beherrscht taktische Flexibilität (Angriff, Verteidigung, Führungsarbeit)
- Zeigt mentale Stärke bei Rückständen und Zeitfahr-Druck
- Passt Renngewicht und Trainingsfokus saisonal an
Junge Talente mit breitem Profil sollten erst nach dem 23. Lebensjahr spezialisieren – zu frühe Fokussierung auf eine Disziplin kann ungenutztes Potenzial verschenken.
Allrounder im Frauen-Radsport
Auch im Frauen-Radsport gibt es herausragende Vielseitige. Marianne Vos gewann Weltmeistertitel auf der Straße, in der Bahn, im Cyclocross und bei Grand Tours. Ihre Karriere zeigt, dass Vielseitigkeit nicht auf den Männer-Radsport beschränkt ist – sie ist ein Merkmal der größten Champions beider Geschlechter.